Bewertungskriterien aus der Sicht eines praktizierenden Betreuers

Marian

Um einen Einblick in die Sichtweise der Betreuer und Professoren auf wissenschaftliche Arbeiten zu erlangen, haben wir einen Fragebogen an Herrn Marian Benner-Wickner geschickt. Dieser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut Paluno der Universität Duisburg-Essen. Er hat über 20 Studenten bei der Erstellung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten betreut und an diversen Publikationen mitgewirkt.

1. Stell dich bitte kurz vor.

Mein Name ist Marian Benner-Wickner. Nach einer Ausbildung zum Fachinformatiker habe ich an der Dortmunder Fachhochschule Technische Informatik studiert. Seit dem Master-Abschluss im Jahr 2010 arbeite ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls von Prof. Dr. Volker Gruhn. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich über 20 Studenten bei ihrer Abschluss- oder Seminararbeit betreut.

 

2. Wie ist dein generelles Vorgehen bei der Bewertung einer Arbeit?

Grundsätzlich bewerte ich studentische Arbeiten entlang einer gewichteten Bewertungsschablone. Die Gewichtungen orientieren sich nach der Beschaffenheit der Aufgabenstellung. Verursacht die Aufgabenstellung beispielsweise viel Implementierungsaufwand, wird weniger Wert auf Qualität und Umfang der Rechercheergebnisse gelegt. Die Schablone hilft mir also, eine möglichst objektive und vergleichbare Bewertung zu erstellen. Diese wird aber nicht im Sinne einer Checkliste verwendet. Vielmehr pflege ich während des Lesens eine Sammlung an Notizen, die dann in einem zweiten Schritt den entsprechenden Bewertungskriterien zugeordnet werden. Auf diese Weise können positive und negative Notizen zu einer Auf- bzw. Abwertung eines Kriteriums dienen.

 

3. Welche typischen Fehler verursachen die meisten Studenten in ihrer Arbeit?

Ganz pauschal kann man da schwer was zu sagen, weil keine Ausarbeitung der anderen gleicht. Dennoch kann ich feststellen, dass Studenten grundsätzlich am ehesten mit den folgenden drei Problemen zu kämpfen haben:

Textkorärenz und –kohäsion: Für einen ungeübten Autor ist es schwierig, einen Text zu verfassen, der inhaltlich auf Kapitel-, Absatz- und Satzebene logisch zusammenhängend ist. Insbesondere Autoren, die Deutsch als Zweitsprache gelernt haben, fehlen nützliche Kohäsionsmittel. Solche Fähigkeiten kann man in Schreib-Workshops lernen.

Der global-intergalaktische Blick: Vielen Studenten gelingt es nicht besonders gut, übergeordnete Zusammenhänge und Ziele präzise zu formulieren. Sobald es konkreter und technischer wird, gelingt das den meisten Studenten deutlich besser. Dabei sind ausgerechnet die einleitenden Kapitel wichtig, um die Arbeit einordnen zu können.

Logische Argumentation: Ein weiterer typischer Fehler tritt bei der logischen Argumentation auf. Es ist nicht einfach, einen eigenen Gedanken so zu Papier zu bringen, dass andere ihn verstehen können. Das passiert insbesondere dann, wenn man bestimmte Details auslässt, zum Beispiel, weil man sie für selbstverständlich hält. Oft ist diese Selbstverständlichkeit aber vielmehr Ursprung der intensiven Einarbeitungsphase, die dem Leser fehlt.

 

4. Auf welche Aspekte einer Arbeit achtest du besonders?

Als Lektor finde ich es unglaublich wichtig, dass es Spaß macht, den Text zu lesen und dass mein Interesse an dessen Inhalten geweckt wird. Eine wesentliche Bedingung dafür ist die Verständlichkeit. Störungen des Leseflusses durch häufige Fehler in der Rechtschreibung, Grammatik oder Argumentation erschweren das Lesen und sind ärgerlich. Es wird dann zu einer besonderen Herausforderung für den Lektor, diese negative Stimmung nicht in die Beurteilung miteinfließen zu lassen.

 

5. Wie ist die optimale Gliederung einer Abschlussarbeit aufgebaut?

Es gibt keine optimale Gliederung, die für alle Ausarbeitungen gilt. Vielmehr kann man Anforderungen an eine optimale Gliederung stellen: Sie ist beispielsweise optimal, wenn sie

a)      dem Leser hilft, alle Inhalte der Arbeit überblicken zu können (zu viele Gliederungspunkte erschweren den Überblick, zu wenige Punkte verbergen den Inhalt)

b)      einem roten Faden folgt (Stichwort: Textkohäsion! Bei implementierungsnahen Arbeiten sollte sich beispielsweise der Entwicklungsprozess widerspiegeln: Anforderungen, Design, Implementierung, Test)

c)       den Schwerpunkt der Aufgabenstellung widerspiegelt (der eigentliche Beitrag sollte nicht zwischen einer überdimensionierten Einleitung oder Grundlagenbehandlung untergehen)

 

6. Worauf sollte man bei der Literaturrecherche achten?

Man sollte aufpassen, dass man nicht aus Versehen eine Sekundärquelle zitiert. Beispiel: Wenn man etwas über die Java-Syntax schreibt, sollte man die „Java Language Specification“ zitieren, nicht ein Buch wie „Java ist auch eine Insel“. Ziel ist, stets den originalen Ursprung einer Aussage/Behauptung etc. zu finden, auch wenn es aufwändig ist.

 

7. Wie wichtig sind eine korrekte Grammatik und ein guter Sprachstil für die Gesamtbewertung?

Insbesondere vor dem Hintergrund bildungspolitisch verschleppter Probleme bei der Sprachförderung (Deutsch als Zweitsprache) und dem Diversity-Schwerpunkt der Universität versuche ich, weitestgehend Grammatik und Sprachstil bei der Gesamtbewertung keinen zu großen Stellenwert beizumessen.

 

8. Wie oft sollten sich Studenten mit dem Betreuer austauschen?

Das kann ich nicht pauschal beantworten, weil der Betreuungsbedarf stark von der Fähigkeit der Studenten abhängt, eigenständig und selbstverantwortlich zu arbeiten. Ein guter Betreuer kann das schnell einschätzen und entsprechend gegensteuern. Aber auch die Studenten sehe ich in der Pflicht, selbstkritisch den eigenen Betreuungsbedarf einzuschätzen und mehr Betreuung bei Bedarf einzufordern. So oder so ist es immer eine Abwägung von Risiko. Zum Beispiel ist es auch schon passiert, dass ein Student alles im Griff zu haben glaubte und sich das Gegenteil erst nach Abgabe herausstellte.

Muss man sich häufiger als 1x pro Woche sehen, scheint etwas mit der Aufgabenstellung nicht zu stimmen. Umgekehrt würde ich Verdacht schöpfen, wenn eine Arbeit erledigt werden kann, ohne sich zumindest 1x pro Monat ausgetauscht zu haben.

 

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick in deine Vorgehens- und Sichtweisen bei der Betreuung und Beurteilung von wissenschaftlichen Arbeiten.

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